Was vom Hitzesommer bleibt: Die Prioritäten von swisscleantech


Die Schweiz erwärmt sich deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Die Folge: Mehr Hitzewellen, längere Trockenperioden, heftigere Starkniederschläge, weniger Schnee. Viele wirtschaftliche Folgen dieses Sommers werden wir allerdings erst später zu spüren bekommen. Gleichzeitig werden Forderungen nach mehr «Klimaanpassung» immer lauter. Wo ist nun der Handlungsbedarf – ohne Alarmismus und Opportunismus – am grössten?

Fotografie: Conny Pokorny
Artikel
von Fabian Etter & Marcel Winter
27.08.2026

Die Schweiz erwärmt sich deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Die Folge: Mehr Hitzewellen, längere Trockenperioden, heftigere Starkniederschläge, weniger Schnee. So lautete die Kernbotschaft am 4. November 2025, als Wissenschaftlerinnen von MeteoSchweiz und der ETH Zürich die neuen Klimaszenarien CH2025 präsentierten. swisscleantech war bei der Präsentation dabei und suchte den direkten Dialog mit den Autorinnen – als eine von wenigen Organisationen der Wirtschaft.

Dass wir nun einen aussergewöhnlichen Hitzesommer erleben, kommt also alles andere als überraschend. Auch wir haben immer wieder auf diese Szenarien hingewiesen und können darum nicht nachvollziehen, wie Bundesrat Rösti kürzlich in einem Interview sagte, er habe damit nicht gerechnet.

Hitzetote, ausgetrocknete Felder und Wasserknappheit haben die Debatte der vergangenen Wochen geprägt. Der Bundesrat hat gestern endlich zusätzliche Massnahmen für die Landwirtschaft und den Wald präsentiert. Viele wirtschaftliche Folgen dieses Sommers werden wir allerdings erst später zu spüren bekommen. Denn diese Extremwetter wirken sich auf Lieferketten, Infrastruktur, Arbeitsproduktivität, Gesundheit, Versicherungen und letztlich auch auf die Preise aus. Oxford Economics geht davon aus, dass die «Climateflation» – die mit dem Klimawandel verbundene Inflation – zu um 4% höheren Lebensmittelpreisen in 2027 führen wird.

Forderungen nach mehr «Klimaanpassung» kommen inzwischen von fast allen Seiten – besonders laut von Akteuren, die das Netto-Null-Ziel der Schweiz und die CO2-Reduktion immer bekämpft haben. Dieser einseitige Fokus greift zu kurz und ist unehrlich.

Wo ist nun der Handlungsbedarf – ohne Alarmismus und Opportunismus – am grössten?

1. Emissionsreduktion bleibt zentral

Klimaanpassung ist notwendig, aber kein Ersatz für CO2-Reduktion. Denn die Unterschiede zwischen einer 2-Grad- und einer 3-Grad-Welt sind massiv – auch bezüglich der Kosten. Für uns bleibt deshalb die Erreichung des Schweizer Netto-Null-Ziels zentral. Denn die Klimaschutzmassnahmen der Schweiz sind auch international von Bedeutung:

  • Die Signalwirkung ist gegeben: Wenn wir im Klimaschutz glaubwürdig vorangehen und aufzeigen, wie die Umsetzung von Netto-Null und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit einhergehen, wird das wahrgenommen. Wenn wir uns aber als wohlhabendes, innovatives Land nicht an unsere Ziele halten, dienen wir als Ausrede für Nationen, die sich nicht bewegen wollen.
     
  • Die Schweizer Wirtschaft bietet viele Technologien, die global zur Emissionsreduktion beitragen. Dieses Businesspotential wollen wir international nutzen – und zuhause glaubwürdig sein.
     
  • Die direkten und indirekten Emissionen sind relevant – gerade angesichts unserer international vernetzten Wirtschaft, unsere Konsums und des Finanzplatzes.

Die Transformation in Richtung Netto-Null reduziert zudem unsere Abhängigkeit von fossilen Energieimporten und stärkt damit die Resilienz der Schweizer Wirtschaft – ein Ziel, das im heutigen geopolitischen Umfeld wichtiger denn je ist.

Die Phase von 2030 bis 2040 ist entscheidend – für unsere Klimaziele und die Klimaszenarien. Die anstehende Revision des CO2-Gesetzes für die Zeit nach 2030 ist deshalb unsere klare politische Priorität der nächsten Jahre. Wir setzen uns dabei an vorderster Front für marktbasierte und wirksame Instrumente, mehr Kostenwahrheit, weniger Bürokratie und mehr Planungssicherheit für die Unternehmen ein. Wir stehen dazu im intensiven Austausch mit unseren Mitgliedern, Partnern, der Verwaltung und der Politik

2. Pragmatismus gegenüber Klimaanpassung

Klimaanpassung wird wichtiger, unbestritten. Die möglichen Massnahmen sind vielfältig und entwickeln sich laufend weiter: von Begrünung und Beschattung über klimaresiliente Gebäude und Infrastrukturen bis hin zu besserem Wassermanagement. Städte und Gemeinden sind hier stark gefordert. Die Stadt Zürich, mit der wir eng zusammenarbeiten, geht beispielsweise mit ihrem Massnahmenplan «Hitzeminderung» voran.

Aber auch die Unternehmen können und müssen zur Klimaanpassung beitragen. Lieferketten beispielsweise müssen widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Dürren oder Überschwemmungen werden. Ebenso gilt es, Standorte und Gebäude klimaresilienter zu gestalten. Wir werden dieses Thema künftig noch stärker beleuchten und anhand von Praxisbeispielen diskutieren.

3. Stromversorgungssicherheit als Fundament

Beim Ausbau der erneuerbaren Energien, der Stromnetze, der Stromspeicherung und der Energieeffizienz müssen wir in den nächsten Jahren schneller werden – insbesondere mit Blick auf die Winterstromversorgung. Denn der wesentliche Teil der Dekarbonisierung erfolgt über die Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie. Unsicherheiten bezüglich der Stromversorgung bremsen die Dekarbonisierung aus.

Wir setzen uns deshalb intensiv dafür ein, dass die vom Parlament verabschiedeten «Beschleunigungserlasse» Wirkung entfalten und Projekte im Bereich Erneuerbare und Speicher endlich schneller realisiert werden können. Aber auch das Stromabkommen mit der EU ist zentral.

Was uns bei all dem optimistisch stimmt, sind insbesondere unsere Mitglieder: Mehr als 90 % unserer Mitglieder halten trotz eines für viele Branchen anspruchsvollen wirtschaftlichen Umfelds an ihren ambitionierten Klimazielen fest oder haben diese sogar verschärft. Und mindestens so wichtig: swisscleantech wächst weiter. Allein in diesem Jahr haben sich bereits 55 weitere Unternehmen unserem Verband angeschlossen. Mit unseren Services und Events unterstützen wir sie gezielt bei der Umsetzung ihrer Ziele.