Energiewende – Zentraler Beitrag zur Resilienz der Schweiz


Ein Energiesystem, basierend auf erneuerbaren Energien, ist möglich. Das zeigt die aktuelle Analyse von Axpo, welche damit zahlreiche andere Studien – wie beispielsweise diejenige der ETH, aber auch eigene Untersuchungen von swisscleantech – bestätigt. Die technische und wirtschaftliche Machbarkeit ist hinreichend belegt. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Umsetzung – und diese ist kein Selbstläufer. In einer Gesamtgüterabwägung sind wir nach wie vor überzeugt, dass ein erneuerbares System für den Klimaschutz, für die Versorgungssicherheit sowie auch für die Resilienz der Energieversorgung die richtige Lösung darstellt.

Am 24. März hat die Axpo ihre Energy Reports veröffentlicht, die in der Zwischenzeit intensiv diskutiert wurden. Wie bei allen ähnlichen Studien in der Vergangenheit zeigt sich einmal mehr, dass die Ergebnisse das Resultat von spezifischen Annahmen sind, die je nach Gewichtung anders gesetzt werden könnten und jeweils zu anderen Schlüssen führen. Anstatt vermehrt neue Ansätze mit Bestehendem zu verbinden, erkennen wir bei der Studie der Axpo ein Festhalten an alten Lösungen wie Grosskraftwerken, die für die zukünftige Energiewelt nicht zwingend notwendig sein werden. Die Dezentralität der neuen Energieversorgung sollte als Stärke und nicht als Belastung verstanden werden. Dezentralität gut integriert, kann Kosten senken und Resilienz erhöhen. Dazu müssen aber die richtigen Rahmenbedingungen bereitgestellt werden. 

Ausbau der erneuerbaren Energien und Steigerung der Energieeffizienz: Kurs halten!

Damit die Schweiz auch künftig einen grossen Teil ihres Stroms selbst produziert und gleichzeitig der Ausstieg aus den fossilen Energien gelingt, muss der Ausbau der erneuerbaren Energien konsequent vorangetrieben werden. Auch wenn es von gewissen Akteuren anders dargestellt wird, zeigt der aktuelle Monitoring-Bericht des Bundesamtes für Energie: Der Umbau des Schweizer Energieversorgungssystems schreitet voran – hauptsächlich bei der Photovoltaik ist die Schweiz gut unterwegs. Tatsächlich schätzen wir das Potenzial für die Stromproduktion – insbesondere auch im Winter – als sogar noch deutlich höher ein als die Axpo. Eine Produktion von 10 TWh Winterstrom aus PV bis 2050, wie in der Studie im Erneuerbar-Szenario angenommen, scheint uns zu pessimistisch.

Die Aussage der Axpo, der Zubau von PV sei für die Winterproduktion zu teuer, ist volkswirtschaftlich nicht korrekt. Denn die Solarenergie senkt im Sommer, wenn sie zum Hauptversorger wird, dank günstiger Produktionskosten die Strompreise insgesamt und trägt auch im Winter erheblich zur Stromversorgung bei. Auch die Aussage, die Solarenergie würde die Kosten der Netze zusätzlich erhöhen, stimmt nur, wenn man eine Reihe von Möglichkeiten von vornherein ausblendet: So führt die dezentrale Produktion gerade in Kombination mit dem Rollout der Elektromobilität und der Dekarbonisierung der Heizungen zu einer Kostendämpfung beim Ausbau des Stromnetzes, wie eine Studie der ETH kürzlich nachgewiesen hat.

Damit das neue Stromsystem diese Dezentralität optimal nutzen kann, spielen der Zubau von Speichern wie Batterien und der Ausbau des Demand-Side-Managements eine wichtige Rolle. So kann der notwendige Ausbau des Stromnetzes trotz des Wachstums der Nachfrage gebremst werden. Anders als durch Axpo dargestellt, wird damit die dezentrale Produktion – insbesondere von Solaranlagen auf Gebäuden und an Fassaden – zu einem kostendämpfenden Faktor. Dafür müssen aber klare Bedingungen erfüllt werden, wie zum Beispiel, dass im Sommer nicht jede Kilowattstunde im Stromnetz aufgenommen werden kann. Dies wiederum gibt Anreize für systemdienlich betriebene Speicher. 

Gefordert sind speziell Stromlieferanten und Netzbetreiber, die in diesem System eine Schlüsselrolle einnehmen. Mehr Wettbewerb, eine vollständige Marktöffnung und neue Geschäftsmodelle sind entscheidend, um Innovation und Effizienz im Verteilnetz voranzutreiben. Dabei muss primär darauf geachtet werden, dass sich alle Marktteilnehmer möglichst systemdienlich verhalten. Die Energie muss dann günstig sein, wenn viel davon vorhanden ist, und Netzgebühren müssen gleichzeitig abbilden, ob das Netz frei ist, oder an der Überlastungsgrenze arbeitet. Dafür braucht es generell flexiblere Stromtarife.

Oft unterschätzt, aber zentral ist zudem die Energieeffizienz. Dies gilt auch für den Winterstromverbrauch. Die Kombination von Energieeffizienz im Gebäude und Dekarbonisierung der Heizungen durch Wärmepumpen bringt den Klimaschutz voran und dämpft die Anforderungen an den Ausbau der Winterproduktion oder den Bedarf an Importen.

Bessere und schnellere Bewilligungsverfahren sind entscheidend

Richtig ist hingegen, dass bei der Windenergie deutlicher Nachholbedarf besteht. Da die Windkraft im Winter viel Strom produziert, ist sie die ideale Ergänzung zur Laufwasserkraft und zur Solarenergie. Auch das wurde in vielen bisherigen Studien aufgezeigt. Wichtig ist aber auch der weitere Ausbau der Wasserkraft, wie das mit den 16 Projekten des Stromgesetzes angedacht ist. Speicherkraftwerke sind dank ihrer Flexibilität unverzichtbare Elemente einer erneuerbaren Stromversorgung.

Voraussetzung für den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion wie auch für den Netzausbau sind schnellere und trotzdem saubere Bewilligungsverfahren. Dabei muss die Rechtsstaatlichkeit geschützt bleiben. Denn breit akzeptierte Projekte sind für die demokratische Legitimation des Ausbaus entscheidend.

Gleichzeitig gilt es, dem «Not in my Backyard»-Syndrom entschieden entgegenzutreten. Tatsache ist, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen in vielen Fällen bereits heute so ausgestaltet sind, dass eine Einsprache gegen gut geplante Projekte selten Erfolg hat. Insbesondere bei der Windenergie kann zusätzlich durch Bürgerbeteiligungen im Vorfeld viel Goodwill gewonnen werden.

Entscheidend wird aber in Zukunft sein, wie schnell Bewilligungsverfahren über die Bühne gehen. Mit dem neuen Stromgesetz und dem Erlass für beschleunigte Bewilligungsverfahren sind die regulatorischen Rahmenbedingungen grundsätzlich gesetzt. Es gibt jedoch berechtigte Zweifel daran, dass die Umsetzung schnell genug gelingt, weil die notwendigen Fachkapazitäten für eine schnelle Behandlung fehlen. Es reicht nicht aus, im Gesetz eine Frist von 6 Monaten pro Bewilligungsstufe festzuschreiben. Man muss auch sicherstellen, dass eine ausreichende Anzahl an Experten für die Behandlung dieser Verfahren bereitsteht. Hier sind speziell die Kantone in der Pflicht, die nach unten auf Gemeindeebene mit Fachkräften aushelfen können und nach oben für die Bundesebene gute Grundlagen bereitstellen.

Mythos Grosskraftwerke

Wie viele Studien vor ihr kommt auch die neue Axpo-Studie zum Schluss, dass ein rascher Ausbau der erneuerbaren Energien der Schlüssel für eine nachhaltige Energiezukunft ist. Es erschliesst sich jedoch nicht, wie sich aus den Analysen die Notwendigkeit für den Betrieb von Gaskraftwerken am Strommarkt ableiten lässt. Auf die in der Studie ausgewiesenen 3 TWh Produktion aus Gaskraftwerken kann durch eine geschickte Kombination der oben geschilderten Säulen bestens verzichtet werden – ohne Einbusse bei der Versorgungssicherheit. Gerade dank der grossen flexiblen Produktion aus Speicherseen und der physischen Einbindung in das europäische System ist die Schweiz hier hervorragend aufgestellt.

Tatsache ist zudem, dass ein Betrieb von Gaskraftwerken mit Erdgas nicht mit den gesetzlich festgelegten Netto-Null-Zielen der Schweiz in Einklang gebracht werden kann. Der Betrieb mit erneuerbaren Gasen oder unter Abscheidung mit CO₂‑Entfernung/Speicherung (CCS) würde – wie die Axpo selbst festhält – teuer und bleibt unsicher. Der Einsatz von Gaskraftwerken ist somit zu minimieren – wenn dann, sollen sie nur als Reservekraftwerke dienen. Wie Analysen von swisscleantech und der ZHAW (Studie) nachweisen, ist aber nicht einmal gesichert, ob gasbetriebene Reservekraftwerke aufgrund bestehender Kapazitäten und unter Einbezug von Notstromgruppen und einer Verbrauchsreserve überhaupt notwendig sind.

Ähnliches gilt auch für den Bau neuer Kernkraftwerke. Richtig ist, dass der Weiterbetrieb der aktuellen Kernkraftwerke sinnvoll und wichtig ist, solange die Sicherheit gegeben ist. Es besteht aber ein Restrisiko, dass der Langzeitbetrieb trotz aller Bemühungen technisch oder wirtschaftlich nicht lange genug möglich ist. Umso wichtiger ist es, dass in jedem Fall der Ausbau der erneuerbaren Energien mit voller Kraft vorangetrieben wird. Das gilt auch für ein Neubauszenario. Weil der Bau eines Kernkraftwerks mindestens 25 Jahre dauert, ist der Neubau keine Antwort auf die aktuellen Herausforderungen der Stromversorgungssicherheit.

Der Bau eines neuen KKW wäre aber vor allem auch eine ökonomische Herausforderung. Ein neues Kernkraftwerk, welches gegen 2050 ans Netz gehen könnte, müsste in jedem Fall in einem ökonomisch herausfordernden Umfeld produzieren. Während eines Grossteils des Jahres werden die Strompreise aufgrund der Präsenz der erneuerbaren Energien so tief sein, dass die Stromproduktion des KKW massiv subventioniert werden müsste. Stellt man die Kernkraftwerke in dieser Zeit hingegen ab, verschlechtert sich der Business Case sofort rapide. Neue Kernkraftwerke rechnen sich nur, wenn sie das ganze Jahr über betrieben werden können. Wirtschaftlich wäre der Neubau also für die Schweiz und die Betreiber ein ungünstiges Szenario. Über die Frage, ob sich damit neue unbequeme Abhängigkeiten bei der Versorgung mit Uran und der Entsorgung von Abfällen ergeben, haben wir hier noch nicht einmal gesprochen. 

Stromabkommen: Unverzichtbar für die Versorgungssicherheit

Trotz gewisser Differenzen bezüglich der Notwendigkeit von Grosskraftwerken, zeigen alle relevanten Studien und Szenarien klar: Der grenzüberschreitende Stromaustausch ist in der Schweiz für eine ökonomisch attraktive Sicherung der Stromversorgung unverzichtbar. In einer erneuerbaren Welt mit einem grossen Anteil an wetterabhängiger Produktion ist der flexible und reibungslose Austausch über die Grenze hinweg besonders wichtig. Deshalb benötigt die Schweiz ein Stromabkommen mit der EU – als zentrale Voraussetzung für eine sichere, finanzierbare und zukunftsfähige Stromversorgung, die für die Erreichung des Netto-Null-Ziels unerlässlich ist. Die Energiewende in Europa schreitet rasch voran, und die regulatorischen Rahmenbedingungen der EU entwickeln sich kontinuierlich weiter. Ein «Weiter wie bisher» gibt es nicht. Ohne Abkommen wird sich die Versorgungssicherheit nicht verbessern, sondern verschlechtern.

Energiewende ist machbar

Swisscleantech ist überzeugt: Trotz grosser Herausforderungen ist die Energiewende machbar. Die Instrumente sind weitgehend vorhanden und der Kurs ist grundsätzlich richtig. Finanziell wird die dafür notwendige Transformation für alle Akteure eine grosse Herausforderung. Deshalb müssen auch lieb gewonnene Gewohnheiten wie die garantierte Abnahme von Strom aus Solaranlagen oder auch die unverbaute Sicht auf den freien Horizont hinterfragt werden. Stromversorgungsunternehmen müssen neue Businessmodelle entwerfen, ausprobieren und wohl in vielen Fällen auch wieder verwerfen. Die Schweiz wird ihren Strommarkt gegenüber Europa öffnen müssen, wenn sie sich von viel riskanteren Abhängigkeiten bei den fossilen Energien befreien will. Eine grosse Herausforderung dürfte auch die Umsetzung der Beschleunigungserlasse für Anlagen und Stromleitungen werden. Ja, die Energiewende ist «Work in Progress». Aber – wie auch die Empfehlung der Axpo-Studie zeigt – nach wie vor die beste Option.