Die von der SVP lancierte «Nachhaltigkeitsinitiative» klingt zumindest danach, als böte sie konkrete Lösungen für mehr Klimaschutz und Ressourcenschonung. Doch diese Bezeichnung ist irreführend. Es handelt sich um einen klassischen Etikettenschwindel, der komplexe ökologische Herausforderungen auf eine einfache, aber falsche Ursache reduziert – die Bevölkerungsgrösse.
Nachhaltigkeit beginnt nicht bei der Bevölkerungsgrösse, sondern beim Ressourcenverbrauch
Nachhaltigkeit bemisst sich nicht primär an der Bevölkerungsgrösse, sondern am Ressourcenverbrauch und an den Emissionen pro Kopf. Für den Klimaschutz ist entscheidend, wie wir wirtschaften, produzieren und konsumieren – nicht wie viele Menschen in einem Land leben. Eine starre Obergrenze für die Bevölkerung greift deshalb zu kurz: Der Ansatz ist falsch, weil eine solche Obergrenze die zentralen Treiber von Emissionen – etwa Energieproduktion, Mobilität oder den Gebäudebestand – ausblendet. Darüber hinaus bietet sie keine Lösungen für die Reduktion unserer Abhängigkeit von fossilen Energien. Vor allem verkennt die Initiative, dass eine nachhaltige Transformation unserer Wirtschaft durch Innovation, Effizienz und strukturelle Anpassungen bestehende Geschäftsmodelle erreicht wird – und nicht durch Abschottung.
Klimaschutz erfordert Offenheit, Innovation und Fachkräfte – nicht Abschottung
Die Schweiz treibt die Energiewende voran, um bis 2050 ihr Netto-Null-Ziel zu erreichen. Dies erfordert massive Investitionen in erneuerbare Energien, die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme, einen umfassenden Ausbau von Infrastruktur sowie Innovationen, um auch die schwer vermeidbaren Emissionen durch CO2-Enfernung & -Speicherung zu eliminieren. All das gelingt nur mit qualifizierten Fachkräften, die in vielen Bereichen auch aus dem Ausland kommen. Eine so restriktive Zuwanderungspolitik würde den bereits bestehenden Fachkräftemangel weiter verschärfen und damit die Transformation unserer Wirtschaft verzögern.
Die Initiative gefährdet den bilateralen Weg mit der EU und das Stromabkommen
Die Konsequenzen einer Annahme wären klar: Die Schweiz müsste beim Erreichen der Grenze von 10 Millionen ständigen Einwohner*innen das Freizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen, was automatisch die bestehenden Bilateralen Verträge infrage stellt. Damit gerät nicht nur die Migrationspolitik unter Druck, sondern das gesamte Fundament der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zur EU sowie deren Weiterentwicklung. Dies wäre nicht nur ein volkswirtschaftliches Risiko, sondern auch für die Stromversorgung der Schweiz verheerend. Die Schweiz ist physikalisch eng in das europäische Stromsystem eingebunden; ein Stromabkommen ist darum entscheidend für Versorgungssicherheit und eine erfolgreiche Energiewende.
Keine Augenwischerei, sondern echte klimataugliche Lösungen
Die «10-Millionen-Initiative» lenkt von den eigentlichen Herausforderungen ab:
- Sie vereinfacht komplexe Umweltprobleme auf eine einzige Variable – die Bevölkerungsgrösse.
- Sie reduziert keine einzige CO2-Emission, sondern schwächt wirksamen Klimaschutz.
- Sie gefährdet internationale Kooperationen, die für die Versorgungssicherheit der Schweiz essenziell sind.
Die Schweiz hat gesetzlich verankerte Netto-Null-Ziele, die als Chance genutzt werden sollen, um auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben. Dafür benötigt sie weiterhin verlässliche Rahmenbedingungen, die die Schweiz seit Jahrzehnten auszeichnen: Offenheit, Innovationskraft und internationale Vernetzung. Eine Annahme der «10-Millionen-Initiative» würde all diese zentralen Erfolgsfaktoren fahrlässig aufs Spiel setzen.